Am Wendepunkt

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Nein, ich habe keine Lust, hier über die Untiefen der Gemeindepolitik zu schreiben, über Mistkübel, Unterführungen oder subventionierte Gaststätten. Was mir neben all diesen Themen der Steyregger Alltagspolitik wirklich am Herzen liegt, ist das große Ganze, und hier die Frage: Wohin entwickelt sich Steyregg in den kommenden Jahren?

Die Bautätigkeit in den vergangenen 10, 20 Jahren in Steyregg war enorm. Nicht nur durch den Gewerbepark entstand ein vollkommen neues Stadtviertel, auch durch die zahlreichen Neubauten, und hier vor allem die Wohnbauten in Plesching, Steyregg, sowie den geplanten Wohnbau in Pulgarn entwickelt sich Steyregg immer mehr zu einem relativ dicht besiedelten Ort.

Weder im Gewerbepark, noch in Bezugnahme auf die neuen Mehrparteien-Wohnbauten entspricht die Steyregger Entwicklung dem, was man sich von der Idee einer nachhaltigen Entwicklung erwarten würde, vielleicht am ehesten noch mit Ausnahme von Plesching. Zuviel Beton, zu dichte Bebauung, zu wenige Grünflächen. Das Zubetonieren von Steyregg nimmt seinen Lauf.

Aus Fehlern der Nachbargemeinden lernen

Steyregg befindet sich in einer Entwicklung, die meine frühere Heimatgemeinde Gallneukirchen schon seit Jahren durchlaufen hat. Mit dem Ergebnis, dass Gallneukirchen heute ein dicht besiedelter Ort ist, wo fast jeder freie Fleck Grünland zubetoniert wurde oder wird, und einem, im Vergleich zu der früheren, beschaulichen Ortschaft, richtig die Luft zum Atmen fehlt. Damit einher gingen zahlreiche Probleme sozialer Natur. Gallneukirchen ist heute ein Pendler-Ort nach US-amerikanischem Vorbild, oder zumindest ähnlich. Gelebt wird dort in erster Linie in der Nacht und am Wochenende. Jahrelang war der Ort als Drogen-Hotspot unter den Jungen bekannt. Die soziale Zusammensetzung der Bewohner hat sich sichtlich verändert, und polarisiert. Zumindest sind das meine subjektiven Eindrücke und Erfahrungen.

Steyregg hinkt dieser Entwicklung hinterher, und ist – gottseidank – noch nicht ganz so weit. Noch immer gibt es zahlreiche größere und unbebaute Grünareale, auch im unmittelbaren Ortschaftsgebiet. Die Fehler, die bei der Entwicklung des Gewerbegebietes begangen wurden, können noch behoben werden. Die Entwicklung des noch vorhandenen Grünraums in Steyregg ist noch nicht in Stein gemeißelt.

Low Impact Development

Was Steyregg benötigt, ist ein Raumordnungskonzept, und natürlich auch ein Verkehrskonzept, nach dem Vorbild des sogenannten „low impact development“, also einer nachhaltigen Entwicklung. Mehr Bäume, mehr Freiräume, mehr Grünflächen, die vor zukünftiger Bebauung geschützt werden. Weniger Asphalt und Beton, und wenn doch, dann besser beschattet, um zukünftigen Hitzeinseln vorzubeugen. Nicht nur einen, sondern viele kleinere, urbane „Parks“. Begrünte Wände, begrünte Dächer. „Open spaces“ für Bewohner, Betriebe und Verkehr.

Und vor allem: Weniger Wohnblocks, wo es primär darum geht, aus dem vorhandenen Platz ein Maximum an Wohnfläche oder Profit zu generieren. Wenn Wohnbauten, dann nachhaltig und nieder, eingebettet in Grün, in ein soziales und Verkehrskonzept. Die Gemeinde darf und soll sich die Frage stellen: Wollen wir den Zuzug, und wenn ja, welche Leute möchten wir in erster Linie in unserer Gemeinde neu begrüßen? Was bringen uns neue Bewohner, was kosten sie?

Ein Beispiel für low impact development: Begrünte Strassen und Alleen reduzieren die Hitzeentwicklung im Sommer, nehmen Wasser bei Regenfällen auf und entlasten dadurch das Kanalsystem, tragen zur Lärmreduktion bei, und verschönern das Viertel.

Wendepunkt Ostumfahrung

Wenn die Ostumfahrung kommt – und momentan sieht alles danach aus, dann wird der Baudruck in Steyregg noch einmal enorm zunehmen. Ohne Raumordnungskonzept, ohne Verkehrskonzept, ohne der Entwicklung einer Vorstellung, in welche Richtung sich Steyregg ganz grundsätzlich entwickeln möchte und soll, wird spätestens dann der Zug endgültig abfahren.

Bis dahin bleibt nicht mehr viel Zeit. Zeit, für eine grundsätzliche Neuausrichtung der Steyregger Raumordnung und Ortsplanung, der zukünftigen Entwicklung Steyreggs. Mit innovativen Ideen von frischen Experten, und der Einbindung der Bevölkerung in einem öffentlichen Diskurs. Denn letzten Endes sind für Raumordnung und Entwicklungsplanung nicht Raumordner und Architekten zuständig, sondern die Bevölkerung, die Politik, die ihre Experten auswählen, und die von diesen vorgeschlagenen Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen haben.