BLACKOUT

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Es ist Dienstag, der 12. Jänner 2021 in Steyregg, 15 Uhr Nachmittags. Die Aussen-Temperatur beträgt +2 Grad Celsius, für die kommenden Tage wurde Wetterumschwung mit Schneefall und teils klirrender Kälte gemeldet. In den letzten Wochen hat es verhältnismäßig wenig geregnet, die Donau führt nur wenig Wasser. In Ostdeutschland und Polen hat es bei lebhaftem Wind bereits zu schneien begonnen, an zahlreichen Orten wird auch Eisregen gemeldet. In weiten Teilen Russlands, insbesondere im Gebiet um St. Petersburg, wurde wegen starken Windes und Eisregens der Flugverkehr eingestellt, der Güter- und Personenverkehr sind weitgehend zum Erliegen gekommen.

Um 15:10 sorgen Eisregen und starker Wind dafür, dass das Hochspannungsnetz in Ostdeutschland beschädigt wird, und abgeschaltet werden muss. Mit einem Schlag sind dadurch sämtliche Offshore Windparks in der Ostsee vom internationalen Stromnetz abgetrennt. Es kommt zu starken Spannungsschwankungen im deutschen Stromnetz, den Netzbetreibern gelingt es jedoch im letzten Moment noch, das verbleibende deutsche Netz durch vermehrte Atomstromimporte aus Frankreich und Tschechien zu stabilisieren. Die französischen Lieferanten warnen vor Engpässen in der Stromversorgung, da sie ab 16:00 vermehrt selbst auf den eigenen Atomstrom angewiesen sind.

Mittlerweile zieht die Kalt- und Schlechtwetterfront weiter über Deutschland in Richtung Frankreich. Eisregen und starke Winde führen zu unzähligen Baumstürzen. Eis setzt sich auch an den Hochspannungsleitungen in Deutschland und der Schweiz fest, und der kräftige Wind sorgt dafür, dass die einzelnen Hochspannungs-Leitungen gefährlich nahe beieinander schwingen. Die Sturmspitzen erreichen örtlich bereits 100 km/h. Um 16:13 fallen in Deutschland weitere zwei Hochspannungsleitungen wegen sogenannter Leiterseilschwingungen aus. Die deutschen Netzbetreiber können die dadurch entstehenden Spannungsschwankungen nicht weiter kompensieren, auch Frankreich und Polen sehen sich außerstande, ihre Stromlieferungen nach Deutschland zu erhöhen. Schlagartig fällt in großen Teilen Deutschlands und Polens das Licht aus.

Unmittelbar darauf folgt eine Kettenreaktion in praktisch ganz Europa: Die Schweiz und Österreich, beide eng an den deutschen Strommarkt gebunden, können die Ausfälle aus Deutschland nicht kompensieren. Aufgrund der von der österreichischen Regierung gekürzten Förderungen für konventionelle Gaskraftwerke  wurden in den letzten beiden Jahren von den Stromerzeugern zahlreiche Gaskraftwerke im Land stillgelegt. Die Wasserkraftwerke laufen bereits auf Hochtouren, können jedoch wegen des anhaltenden Wassermangels nicht mehr Strom produzieren. Die Produktionsreserven in Österreich sind dadurch erschöpft, es wurde bereits alles hochgefahren, was hochgefahren werden konnte. Sicherheitsabschaltungen im gesamten Land sind die Folge. Italien – seit jeher auf Stromimporte aus Mitteleuropa angewiesen, kann die Stromversorgung im Land nicht weiter aufrechterhalten, und muss auch das eigene Netz abschalten.

In den Haushalten fallen alle Elektrogeräte aus, TV Bildschirme bleiben schwarz, PCs stürzen ab und auch das leise Rauschen der Kühlschränke ist nicht mehr zu hören. Autoradios funktionieren noch, doch gibt es bislang auf keinem Sender Informationen darüber, dass es um 16:13 zu einem großräumigen Stromausfall gekommen ist…

Geknickte Strommasten. Quelle: THW
Geknickte Strommasten. Quelle: THW

Frankreich gelingt es, die Stromversorgung im Land noch bis ca. 17:00 aufrechtzuerhalten. Mit Eintreffen der Sturmfront und des Eisregens in Frankreich kommt es jedoch auch dort zu starken Schäden, die Spannungsschwankungen nehmen zu, und die Stromleitzentralen bemühen sich vergeblich um Ausgleich. Um 17:04 fällt schlagartig in ganz Frankreich der Strom aus, Spanien und Portugal folgen prompt, und liegen nun – bis auf wenige Ausnahmen auf den Inseln – auch selbst im Dunkeln.

Um 17:05 liegen alle hochentwickelten Industrienationen Europas im Dunkeln, während ein Sturmtief mit Schnee und Eisregen über den gesamten westlichen Kontinent zieht. In Linz hat um diese Zeit der Pendlerverkehr bereits voll eingesetzt. Die Stadt liegt im Dunkeln, alle Ampeln sind ausgefallen. Der gesamte Zugverkehr sowie die Straßenbahnen sind zum Erliegen gekommen, die Linz AG und die ÖBB bemühen sich, so viele Busse als möglich für den Heimtransport der Personen zu mobilisieren. Aufgrund des einsetzenden Eisregens wird an die Menschen appelliert, möglichst nicht zu Fuss nach hause zu gehen.

Die ausgefallenen Ampelanlagen sowie das einsetzende schlechte Wetter haben prompt zu zahlreichen Verkehrsunfällen im Stadtgebiet gesorgt. Nichts geht mehr auf den Strassen, praktisch der gesamte Verkehr ist zum Erliegen gekommen. Rettungsdienst, Polizei und Abschleppdienste bemühen sich, die Straßen so schnell als möglich wieder frei zu bekommen. Im Radio wird an die Menschen appelliert, Fahrgemeinschaften zu bilden, und den Nachhauseweg etwas später als üblich anzutreten, wenn sich die Verkehrsprobleme wieder entspannt haben. Über Radio wird berichtet, dass in der topmodernen Strom Schaltzentrale der Austrian Power Grid AG in Wien fieberhaft am Wieder-Hochfahren des Netzes gearbeitet werde, man rechne mit Rückkehr der Stromversorgung in den kommenden Stunden. Es bestehe kein Grund zur Beunruhigung. Aufgrund der ausgefallenen Energieversorgung sowie des einsetzenden Schlechtwetters wird dringend geraten, auf alle unnötigen Fahrten zu verzichten.

In den Linzer Spitälern sind die Notstromaggregate hochgefahren. Aufgrund zahlreicher Verkehrsunfälle sowie des einsetzenden Eisregens füllen sich die Ambulanzen mit verletzten Autofahrern und Passanten. Beim Roten Kreuz und dem Samariterbund wird ob der kritischen Situation überlegt, zusätzlich auch den Bereitschaftsdienst einzuberufen, auch die Krankenhäuser berufen das Bereitschaftspersonal ein. Die Linzer Berufsfeuerwehr ist mit der Befreiung von Personen aus Fahrstühlen sowie mit den Aufräumarbeiten nach Verkehrsunfällen am Limit und fordert Hilfe aus dem Umland an.

Die Stadt Steyregg liegt im Dunkeln, lediglich das Licht der Autoscheinwerfer von der B3 und des Voestalpine Hochofens erhellt die Nacht. Der Wind heult immer stärker, es regnet leicht und der Regen beginnt an der Oberfläche zu gefrieren. Um 18:03 wird die Steyregger Feuerwehr über Funkpager zu einem Verkehrsunfall auf der B3 alarmiert; die Sirenen sind aufgrund des Stromausfalles ausser Betrieb. Aufgrund des einsetzenden Glatteises ist ein Auto in den Straßengraben gerutscht, ein weiteres folgte prompt. Ansonsten ist es ruhig, viele kommen nach einem langen Arbeitstag nach hause und bereiten sich auf den Abend vor. Aufgrund des Stromausfalls wurden sämtliche Veranstaltungen abgesagt, die Polizei zeigt vermehrt Präsenz an den Straßenknotenpunkten sowie im Gewerbegebiet, um Diebstählen und Einbrüchen vorzubeugen. Nur noch einige wenige Supermärkte haben geöffnet, allerdings kann dort nur mehr bar bezahlt werden. Auch die Bankomaten sind ausgefallen.

Um 10 Uhr erreicht das Sturmtief in Österreich seinen Höhepunkt. Windspitzen um 130 km/h und Eisregen machen den Einsatzkräften das Leben schwer. Bäume fallen auf Strassen, der Wind deckt Dächer ab, Strommasten knicken im ganzen Land um wie Streichhölzer. Das Land liegt im Dunkeln. Die Hälfte aller Mobilfunkstationen fällt aus, die andere Hälfte kann den verbleibenden Datenverkehr nicht mehr meistern. Telefonieren und Internetsurfen am Handy ist unmöglich, einzig SMS funktionieren noch an einigen Orten als Kommunikationsmittel. Trotz zahlreicher Leitungsrisse durch umgestürzte Bäume funktioniert das Festnetz noch, Festnetztelefonie verbleibt im Moment als letztes Kommunikationsmittel für die meisten Bürger. Im Radio wird berichtet, dass die Wiederherstellung der Stromlieferung frühestens morgen wieder möglich sei. Sämtliche Feuerwehren sind im Dauereinsatz, die Menschen bereiten sich auf eine kalte, dunkle und unruhige Nacht vor.

…wie es am nächsten Tag, den 13. Jänner 2021 weitergeht, erfahren Sie morgen!