Ein Nervengift als „harmloses Pflanzenschutzmittel“

0
452
Die Effekte des weltweit am meisten gebrauchten Insektizids Chlorpyrifos auf das Gehirn eines Kindes. In Rot die durch das Gehirn deutlich vergrößerten Gehirnareale.
Die Effekte des weltweit am meisten gebrauchten Insektizids Chlorpyrifos auf das Gehirn eines Kindes. In Rot die durch das Gehirn deutlich vergrößerten Gehirnareale.

Vor und während dem zweiten Weltkrieg investierte Nazi-Deutschland viel Geld in die Entwicklung von Nervengas als Kriegswaffe. Eines der Nervengase namens Chlorpyrifos, das die Deutschen im Krieg entwickelten, wurde Mitte der 1960-er Jahre von der Agroindustrie als Insektizid wiederentdeckt, und wird seit vielen Jahrzehnten in der Landwirtschaft auf der ganzen Welt verwendet.

Eine Kriegswaffe, die dazu eingesetzt wurde, Menschen zu töten, wurde auf diesem Weg als „Pflanzenschutzmittel“ wiederentdeckt. Es dient bis heute als Mittel gegen saugende und beißende Insekten sowie gegen Bodenschädlinge in zahlreichen landwirtschaftlichen Kulturen, gegen Ameisen in Haus und Garten, gegen Hausfliegen, Haushalts- und Lagerschädlinge, gegen Kleidermotten, zur Moskitobekämpfung, als Stallspritzmittel sowie zur Bekämpfung von Ektoparasiten an Tieren. Chlorpyrifos ist heute das weltweit am meisten verwendete Insektizid.

In den USA ist ein heftiger Streit um die Zulassung des Insektizids entbrannt, nachdem Präsident Trump, entgegen dem Rat von Wissenschaftern, die Zulassung des Insektizids für die USA verlängert hatte. Jenes Unternehmen, das die Rechte an Produktion und Vertrieb dieses „Pflanzenschutzmittels“ trägt, Dow Chemical, hatte Trumps Kampagne zur Präsidentenwahl zuvor großzügig unterstützt.

Deutschland hat das Insektizid bereits 2009 verboten

Aber Chlorpyrifos ist nicht nur in den USA, sondern auch in Europa zugelassen, und wird auch in Österreich regelmäßig als Insektenschutzmittel angewendet. Einzig Deutschland hat dem Mittel bereits 2009 die offizielle Zulassung entzogen.

In Kalifornien wurde das Blut (aus der Nabelschnur) schwangerer Mütter auf Chlorpyrifos untersucht. Ergebnis: 87% der Mütter trugen das Pestizid in ihrem Blut. Also 87% der Kinder im Bauch von Müttern waren einer, als tödlichem Nervengift entwickelten Kriegswaffe, schon vor ihrer Geburt ausgesetzt.

In Österreich wird Chlorpyrifos in erster Linie in Obst (Äpfel, Birnen, auch Zitronen), Rosinen, aber auch Schokolade nachgewiesen. Einzig BIO-Äpfel sowie BIO Produkte sind frei von solchen Pestizidrückständen. Teilweise genügt bereits der Konsum eines einzigen Apfels, um die empfohlene, täglich zulässige Höchstdosis des Pestizids zu überschreiten.

Chlorpyrifos wirkt unmittelbar auf das Gehrin, und verursacht zahlreiche Krebsarten bei Landwirten

Die wissenschaftliche Beweislage für die Wirkungen dieses Pestizids auf die menschliche Gesundheit, selbst in geringen Dosen, wiegt schwer. Chlorpyrifos schädigt das menschliche Nervensystem. Es erhöht das Risiko von Lernschwierigkeiten, reduziert den IQ, erhöht das Risiko von Autismus und ADHS. Chlorpyrifos erhöht nachweislich bei Personen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind, das Risiko von Lungen, Darm und Gehinkrebs. Chlorpyrifos wirkt auf das Gehirn von Kindern, indem es bestimmte Gehirnareale deutlich vergrößert (Bild).

Es wird heute im Blut großer Bevölkerungsschichten nachgewiesen – auch Personen, die selbst nicht in der Landwirtschaft tätig sind. Jene Personen und Kinder, die von konventionellen Produkten auf BIO Produkte umstiegen, konnten die Werte des Pestizids in ihrem Blut bis unter die Nachweisbarkeitsschwelle senken.

Die Effekte von Chlorpyrifos auf das menschliche Gehirn. In Rot vergrößerte Areale, in Blau deformierte Areale des Gehirns. Quelle: Columbia University
Die Effekte von Chlorpyrifos auf das menschliche Gehirn. In Rot vergrößerte Areale, in Blau deformierte Areale des Gehirns. Quelle: Columbia University

Im Jahr 2013 beantragten die Grünen den Bann des Pestizids auch aus der österreichischen Landwirtschaft. Einzig das BZÖ stimmte mit dafür, SPÖ, ÖVP und FPÖ waren gegen den Entzug der Zulassung für das Pestizid.

Die wissenschaftliche Faktenlage für die Schädlichkeit von Chlorpyrifos ist heute erdrückend. Dennoch wird es in Österreich nach wie vor großflächig angewendet und vertrieben. Es wird unter den Produktnamen Schwabex, Hyganex, Insektenil, Microsol, Killgerm, Ketolac und Agritox vertrieben.

Auch in Steyregg.

Mehr zum Thema: