Freitag, 15. Jänner 2021: Tag 3

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  • Zunahme gewaltsamer Auseinandersetzungen, Schließung letzter Geschäfte
  • Kompletter Zusammenbruch der Kommunikation
  • Beginnende Stadtflucht
  • Erlassen von Notverordnungen
  • Ein Industrieunfall hält Steyregg in Atem
  • Katastrophensituationen in allen österreichischen Bundesländern, lediglich in Tirol ist die Lage besser: Das Land besitzt als einziges Bundesland Österreichs einen Notfallplan zum Umgang mit Blackouts.

Die Steyregger ENI Tankstelle öffnet um 7 Uhr, es warten aber bereits mehr als 50 Autofahrer auf die Betankung ihrer Autos. Gemeinsam mit der Feuerwehr ist es gelungen, eine Treibstoffpumpe wieder in Betrieb zu nehmen. Die Lenker können maximal einen Kanister (20l) kaufen (Bargeld ist erforderlich), und kommen erst dran, wenn die Fahrzeuge der Einsatzkräfte, der zivilen Hilfsorganisationen und jene für den öffentlichen Verkehr vollgetankt sind. Auch Landwirte, die sich an der Schneeräumung im Gemeindegebiet beteiligen, werden bevorzugt vollgetankt. Gestern kam es bereits zu Handgreiflichkeiten unter den Wartenden und zur Festnahme von 4 Jugendlichen, die den Ordnerdienst attackierten.

Im Radio wird berichtet, dass von allen Bundesländern lediglich in Tirol die Treibstoffversorgung besser funktioniert. Dort hat die Tiroler Landesregierung bereits im Jahr 2016 alle 13 Landestankstellen mit einer Notstromversorgung ausgestattet. Der Behördenfunk Tirols (BOS) besitzt ein redundantes Reservesystem mittels Richtfunk, und stellt somit die Kommunikation auch bei Ausfall des “Blaulichtfunks” sicher. Auch die Stromversorgung wurde in weiten Teilen Tirols – im Inselbetrieb – inzwischen wiederhergestellt – das Land Tirol verfügt als Einziges über einen Notfallplan zur Wiederherstellung einer autarken Stromversorgung durch die Tiroler Großkraftwerke.

Die Berichte zeigen Konsequenzen: Zahlreiche Bewohner anderer Bundesländer, auch viele Familien mit kleinen Kindern, die noch über genügend Treibstoff in ihren Autos verfügen, setzen sich in Richtung Tirol in Bewegung, um dort ein warmes Quartier und Essen zu finden. DIe Tiroler Landesregierung reagiert umgehend: Mit einer Notverordnung werden Kontrollen durch Polizei, Bundesheer und zivile Bürgerwehren an den Grenzen des Bundeslandes eingerichtet. Passieren dürfen diese Grenzen nur jene, die über einen Wohnsitz in Tirol verfügen, oder über Familie vor Ort, die schriftlich die Aufnahme der Personen zugesichert hat.

In Steyregg sind der Parkplatz vor dem SMS, sowie die Parkplätze vor BILLA und Hofer gut gefüllt. Ein Indiz dafür, dass sich viele Menschen noch möglichst schnell mit Waren eindecken möchten. Vor den Eingängen zu Billa und Hofer sorgen Polizei und Ordnerdienst dafür, dass sich die Leute geordnet anstellen. Der Einlass erfolgt über die Notausgänge, da die elektrisch gesteuerten Haupteingangstüren wegen des Stromausfalls nicht geöffnet werden können. Waren können nur gegen Bargeld erworben werden, alle Bankomaten sind seit langem außer Betrieb.

Auch vor der Steyregger RAIKA Filiale warten bereits 20 Menschen auf Einlass. Sie wollen Bargeld beheben, die meisten haben ihr Sparbuch mitgebracht, in der Hoffnung, eine größere Geldsumme beheben zu können.

Als die Bankkunden am Schalter erfahren, dass maximal 400€ pro Person ausbezahlt werden (der Bargeldvorrat in der Bank ist begrenzt), kommt es zu tumultartigen Auseinandersetzungen. Erst als die Bürgerwehr (2 Jäger) vor Ort eintrifft, und ein Jäger mit dem Gewehr in die Luft schießt, beruhigt sich die Lage wieder. Die Polizei ist bereits ausgelastet, und kann keine weiteren Beamten mehr abstellen. Keiner versteht, warum die Bank nicht in der Lage ist, höhere Summen auszubezahlen.

Die Landespolizeidirektion Linz informiert, dass immer mehr Familien die Stadt Linz verlassen und versuchen, am Land eine vorübergehende Bleibe zu finden. Grund für die “Stadtflucht” ist die angespannte Sicherheitslage (Tumulte und Schlägereien auf öffentlichen Plätzen und in den Straßen, Einbrüche, Diebstähle, auch Vergewaltigungen wurden gemeldet). Per Notverordnung werden die Gemeinden angewiesen, in Abstimmung mit der Polizei Stellen für Personen- und Fahrzeugkontrollen einzurichten. Anhaltungen kann ab sofort auch ziviles Ordnungspersonal vornehmen, Festnahmen obliegen nach wie vor der Polizei. Darüber hinausgehende Maßnahmen, wie der Einsatz ziviler Bürgerwehren zur Überwachung wichtiger Einrichtungen, können vom Bürgermeister angeordnet werden. Im Süden von Linz patrouillieren nun Soldaten des österreichischen Bundesheeres im Assistenzeinsatz für die Polizei, Checkpoints mit schwer bewaffneten Soldaten werden an zentralen Knotenpunkten eingerichtet. Die Polizei selbst meldet Personalausfälle, vereinzelt bis zu 30%, sowie allgemeine Erschöpfung der Polizisten.

Ein großes Problem in der Gemeinde Steyregg ist ein Mangel an Funkgeräten. Die Gemeinde verfügt über keine eigenen Funkgeräte, lediglich Polizei und Feuerwehr besitzen welche, die diese Geräte jedoch für ihre eigene Zwecke benötigen, und darüber hinaus große Probleme haben, die Batterien der Geräte zu laden. Somit ist die Kommunikation zwischen den einzelnen Ortsteilen der Gemeinde fast vollständig zusammengebrochen, der Informationsfluss funktioniert praktisch nur mehr über Melder, also über persönlichen Kontakt.

Weitere 5 Personen, zumeist Senioren, haben die eiskalte Nacht nicht überlebt. Zahlreiche andere Personen sind an Fieber und Husten erkrankt, auch die ersten Lungenentzündungen wurden bereits diagnostiziert. Die Gemeindebediensteten von Steyregg versuchen, den Steyregger Stadtsaal zu beheizen, um dort ein warmes Notquartier, in erster Linie für Kinder und Frauen einrichten zu können. Schließlich gelingt es, von Vereinen 2 Heizstrahler zu organisieren, sowie von der FLAGA in Linz mehrere Gasflaschen befüllen zu lassen, um den Stadtsaal zumindest auf 16-18 Grad aufheizen zu können.

Die Kläranlage Asten meldet große Probleme bei der Reinigung des Abwassers. Die Abwasserentsorgung hat mittlerweile einen kritischen Zustand erreicht, in Kürze müssen ungeklärte Abwässer unmittelbar in die Donau eingeleitet werden.

Um 14:36 hört man vom Areal der Chemie Linz kommend einen lauten Knall. Etwa 15 Minuten später wird zuerst in Windegg, dann in Steyregg selbst beissender Ammoniak-Geruch wahrgenommen. Niemand weiss, was am Areal der Chemie Linz passiert ist. Die Telefone sind allesamt ausgefallen, genauso wie das Messnetz des Landes Oberösterreich. Einige Bewohner Windeggs beginnen über tränende Augen und Atembeschwerden zu klagen. Die Feuerwehr fährt mit Atemschutz, Lautsprechern, Blaulicht und Folgetonhorn durch Windegg und Steyregg, und fordert alle Bewohner auf, zuhause zu bleiben und die Fenster zu schließen.

Schließlich gelingt es der Feuerwehr, über Funk einen Kontakt zur Betriebsfeuerwehr der Chemie Linz herzustellen. Dort wird mitgeteilt, dass ein Ausfall in einem Notstromsystem zum Ausfall von Kühlsystemen geführt habe, und dadurch wiederum ein Behälter mit Chemikalien explodiert sei. Die Explosion habe große Verwüstung angerichtet, und die Betriebsfeuerwehr könne noch nicht mit ausreichender Sicherheit sagen, welche chemischen Stoffe bei der Explosion freigesetzt wurden. 8 Personen aus Steyregg müssen von der Rettung mit Atembeschwerden in Linzer Spitäler eingeliefert werden, weitere 12 bleiben zuhause unter Beobachtung des Steyregger Hausarztes.