Mittwoch, der 13. Jänner 2021: Tag 1

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  • Konzentration der Einsatzkräfte auf die Rettung von Menschen aus extremer Notlage
  • Beginn der Selbstorganisation durch die Bürger, Familien, Betriebe und Institutionen
  • Chaotische Verkehrslage

Die Nacht war für die meisten Menschen eiskalt, ohne Strom fiel fast überall auch die Heizung aus. Nach dem Eisregen hat es zu schneien begonnen, die nächtlichen Temperaturen sind auf Minus 8 Grad gefallen. Das Handynetz ist bereits an vielen Orten ausgefallen, das Festnetztelefon funktioniert in der Regel noch. Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst kommunizieren über das Behörden-Funknetz BOS, das jedoch durch den Sturm selbst an vielen Orten beschädigt wurde. Über Radio wird mitgeteilt, dass Schulen und Kindergärten heute geschlossen bleiben. Nach Dauereinsätzen die ganze Nacht über sind viele Feuerwehrmänner am Ende ihrer Kraft und gehen außer Dienst, um ihren Beruf anzutreten.

Der Sturm hat sich in den frühen Morgenstunden gelegt, und ist in die Schweiz und nach Frankreich weitergezogen. Die ersten Inspektionen bei Tageslicht zeigen ein ernüchterndes Bild: Überall durch das Gewicht des Eisregens und durch den Sturm geknickte Bäume, viele Masten der Hochspannungsleitungen liegen am Boden wie umgeknickte Streichhölzer. Ähnlich sieht es in weiten Teilen Europas aus. Über Radio wird mitgeteilt, dass an der Wiederherstellung des Stromnetzes fieberhaft gearbeitet werde, näheres könne allerdings erst nach einer genauen Bestandsaufnahme bei Tageslicht mitgeteilt werden.

In der Steyregger Unterführung unter der Summerauerbahn steht das Kanalwasser immer höher. Aufgrund des Stromausfalls ist das Pumpwerk ausgefallen, nunmehr tritt das Schmutzwasser aus der Kanalisation an die Oberfläche. Auch zahlreiche Keller sowie einige Erdgeschosses in den unteren Lagen Steyreggs sowie in Plesching werden durch austretendes Kanalwasser und fehlende Rückstauventilklappen mit Kanalwasser überflutet. Die Mitarbeiter des Bauhofes versuchen verzweifelt, mit dem einzigen verfügbaren Notstromaggregat der Gemeinde die Kanalpumpen wieder in Gang zu setzen.

Überflutung Summerauerbahn Kanal

Die Gemeinde Steyregg verfügt, abgesehen von den allgemeinen Krisenplänen, über keine Notfallpläne für den Fall eines Blackouts. Die Stromversorgung war über viele Jahre und Jahrzehnte so zuverlässig, dass niemand auch nur auf die Idee kam, dass es einmal für längere Zeit zu einem Stromausfall kommen könnte. Aus diesem Grund gibt es in Steyregg auch keine besonderen Vorhaltungen für den Fall eines längeren Blackouts.

In zahlreichen Siedlungen Steyreggs ist bereits seit gestern das Wasser ausgefallen. Obernbergen, Im Reith, Im Weih, der Wohnpark Hasenberg sowie der obere Daxleitnerweg sind seit gestern nachmittag ohne Wasser. Der im Jahr 2019 in der Bergsiedlung neu errichtete Hochbehälter ist zwar noch teilweise mit Wasser befüllt, mangels ausreichender Notstromaggregate kann das Wasser vom tiefer liegenden Hochbehälter jedoch nicht in die höher gelegenen Siedlungen Steyreggs gepumpt werden. Problematisch ist das vor allem für die WCs, die nicht mehr gespült werden können, und damit unbenutzbar werden. Die Gemeinde muss deshalb am Bauhof eine eigene Wasserausgabestelle einrichten.

Da an vielen Stellen in Steyregg der Leitungsdruck stark gefallen ist, und einige Wasserleitungen bereits leer gelaufen sind, werden alle Bürger von der Gemeinde dazu aufgerufen, Wasser vor dem Trinken abzukochen. Zahlreiche Bürger stellen sich die Frage, wie das ohne Strom funktionieren soll, da sie weder über Gaskocher, noch sonst über alte, mit Holz befeuerte Küchenöfen verfügen.

Aus Linz treffen im Lauf des Tages erste unbestätigte Gerüchte über Diebstähle und Plünderungen ein, insbesondere im Linzer Süden. Bereits frühmorgens wurden die Baumärkte gestürmt, um die letzten verbleibenden Stromaggregate und Gasheizungen zu kaufen. In den wenigen offenen Supermärkten werden Lebensmittel nur noch gegen Bargeld ausgegeben, die Bankomatkassen funktionieren seit gestern nicht mehr. Es gibt jedoch keine Kühlprodukte wie Milch, Fleisch, Käse oder Butter, und auch keine Tiefkühlprodukte mehr zu erwerben, da die ganze Nacht über die Kühlregale ausgefallen waren, und die Supermärkte diese Produkte daher entsorgen mussten. Der Unmut in der Bevölkerung wächst, und die ersten Einbrüche in die bereits geschlossenen Baumärkte und Supermärkte werden gemeldet.

In Steyregg funktioniert keine einzige Tankstelle mehr. Mittels Notstromaggregat nimmt die Feuerwehr eine Tankstellenpumpe kurzfristig wieder in Betrieb, um zumindest für Einsatzfahrzeuge und den Fuhrpark der Gemeinde wieder Treibstoff zur Verfügung stellen zu können. Für alle anderen Bewohner gibt es in Steyregg keinen Treibstoff mehr.

Auch die Bauern trifft es hart. Aufgrund des Stromausfalls liegen zahlreiche Melkroboter still. Seit mehreren Stunden versuchen einige Landwirte meist erfolglos, Notstromaggregate zu organisieren, denn händisch können unmöglich alle Kühe rechtzeitig gemolken werden. Die Kühe beginnen vor Schmerzen zu brüllen.

Die Altenheime in und um Linz kämpfen mit immer größeren Problemen. Warmes Essen kann nicht mehr zubereitet werden, die Heizanlagen sind ausgefallen, die Zimmer sind eiskalt. Einige Senioren wurden bereits von ihren Familien abgeholt, um die Nacht mit ihnen zu verbringen. Andere Senioren müssen mit Kreislaufschwäche in die Krankenhäuser überstellt werden. Pflegeleistungen sind ohne Licht und Strom enorm erschwert, auch die Notrufschalter funktionieren nicht mehr. Die physische und psychische Belastung des Pflegepersonals steigt deutlich an, auch die Senioren sind spürbar unruhig und schlafen kaum.

Essen auf Rädern gibt es heute nicht, die Gemeinde bemüht sich fieberhaft, wo notwendig einen Ersatz für das ausgefallene Essen der Gourmet GmbH durch Nachbarn oder Vereine zu organisieren.

In den Krankenhäusern kann der Betrieb dank der Notstromaggregate noch aufrecht erhalten werden. Die Betten in den Krankenzimmern sind voll belegt, etliche Patienten liegen bereits am Gang. Stündlich kommen neue hinzu, einige mit Erfrierungen und Unterkühlungen. Die Verpflegung der Patienten stößt jedoch bereits an ihre Grenzen. Komplizierte Operationen werden abgesagt. Ärzte und Pflegepersonal sind um ein Drittel verstärkt.

Im Lauf des Nachmittags fällt auch das Festnetztelefon in Steyregg aus, das Mobilnetz funktioniert nun überhaupt nicht mehr. Damit ist auch das Internet weg. Die einzig verbleibende Informationsquelle ist für viele Menschen das Autoradio. Die Gemeinde Steyregg beginnt, einen Krisenstab einzurichten. Die Wasserversorgung steht auf der Kippe, die Wasserreserven im neuen Hochbehälter reichen nur mehr bis morgen früh. Der Schmutzwassersee in der Steyregger Unterführung breitet sich aus, die Unterführung musste deshalb bereits am Vormittag gesperrt werden. Einige Häuser sind aufgrund des austretenden Kanalwassers unbewohnbar geworden, die Bewohner werden bei Freunden und Verwandten untergebracht.

Um 19 Uhr abends werden die Steyregger Feuerwehren zu einem Großeinsatz alarmiert. In einem Einfamilienhaus sowie in einer Steyregger Wohnung ist durch Versuche, die Wohnungen bzw. Häuser durch offenes Feuer zu heizen, und durch unsachgemäße Handhabung von Gaskochern, gleichzeitig Feuer ausgebrochen. Das Einfamilienhaus im Reith steht bereits im Vollbrand, nicht zuletzt deshalb, da es bereits einige Zeit dauerte, bis die Feuerwehr von den Nachbarn mit dem Auto überhaupt alarmiert werden konnte. Das Feuer droht auf benachbarte Häuser überzugreifen. Die Feuerwehr muss eine 600 Meter lange Löschleitung vom neuen Hochbehälter bis zur Brandstelle legen, um das Feuer effektiv bekämpfen zu können, denn die Hydranten im Reith sind allesamt ohne Druck.

Der Wohnungsbrand wiederum kann mithilfe der Nachbarn relativ rasch gelöscht werden, aber der Einsatz im Reith hält die Feuerwehren stundenlang in Atem. 2 Menschen müssen mit leichten Verletzungen und Rauchgasvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Um 22 Uhr wird die Feuerwehr abermals zu einem Wohnungsbrand alarmiert. Der Ortsfeuerwehrkommandant gibt bei der Nachbesprechung bekannt, dass mehr als 20% der Kameraden nunmehr um Verständnis gebeten haben, nach bald 48h Einsatz mit den Kräften am Ende zu sein, und ab nun die eigene Familie unterstützen zu müssen.

….wie es weitergeht lesen Sie morgen an dieser Stelle, same time, same station….